• Carola Epple

Von VirtuallyThere Media zur Lab E GmbH: Gründen ausgerechnet während der Corona-Pandemie

Aktualisiert: Juli 13

Nun ist es offiziell: die Lab E GmbH ist im Handelsregister des Amtsgerichts Stuttgart eingetragen, mit mir, Carola Helen Epple, als Geschäftsführender Gesellschafterin. Genau ein Jahr ist es her, dass ich die Vorgänger-Gesellschaft VirtuallyThere Media von einer Tourismus-Agentur in einen VR-Dienstleister im Bereich Psychotherapie umgewandelt habe. Warum ausgerechnet jetzt die Firmengründung? Hier erzähle ich, wie der Weg dorthin aussah und was Unternehmensgründung mit Marathon laufen und Star Trek zu tun hat.

beim Notar zur Beurkundung der GmbH-Gründungsverträge

Virtuelle Realität - echte Gefühle

Wir bei Lab E unterstützen Verhaltenstherapeutinnen und Verhaltenstherapeuten dabei, Menschen mit Hilfe von Virtual Reality zu einem angst- und stressfreien Leben zu verhelfen. Aus persönlicher und beruflicher Erfahrung wissen wir, wie stark Ängste das Leben von Menschen einschränken können. Sie daran hindern, ihren Beruf auszuüben, Beziehungen zu leben und überhaupt, das Leben zu genießen. VR ist ein Medium mit starker immersiver Kraft, das dem Nutzer das Gefühl gibt, tatsächlich in der virtuellen Umgebung präsent zu sein. So kann VR echte Urlaubsgefühle, aber eben auch echte Angst hervorrufen. In der verhaltenstherapeutisch orientierten Psychotherapie gelten sogenannte Konfrontationsübungen als der "Gold-Standard" für Angstpatienten: zum Beispiel bei Flugangst oder Höhen-Phobie. VR macht solche Behandlungen deutlich zeitsparender, gezielter und auch günstiger möglich - mit realistischen Expositionen auf Knopfdruck. ​Genau deshalb steht das "E" in Lab E übrigens hauptsächlich für Emotionen: virtuelle Realität, die echte Gefühle hervorruft. Mit "E" beginnt aber auch mein Nachname (der von den schwäbischen Apfelbauern abstammt!). Außerdem hat das Unternehmen seinen Sitz in "E" wie Esslingen am Neckar bei Stuttgart.


Mission E: VR für den Therapie-Alltag zugänglich machen

Wissenschaftliche Forschung zum Einsatz von Virtual Reality in der Verhaltenstherapie gibt es schon seit Ende der 90er-Jahre und damit unzählige Untersuchungen und Meta-Studien. Auch die aktuelle deutsche S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen empfiehlt VR ausdrücklich zur Behandlung spezifischer Phobien und stellt fest, dass virtuelle Expositionen genauso wirksam sein können wie Konfrontationstherapie "in vivo", also im echten Leben. Die Autoren der Leitlinie weisen darauf hin, dass VR-Anwendungen für die Verhaltenstherapie bisher nur in spezialisierten Zentren zur Verfügung stünden und dass Hard- und Software kostenintensiv seien. Nein, muss ich an der Stelle widersprechen! Unter der Marke VirtuallyThere bieten wir bei Lab E Virtual Reality-Anwendungen und Kursprogramme an, die auch für niedergelassene Verhaltenstherapeuten geeignet sind. Der Einstieg in das Thema VR gelingt auch mit einem Smartphone in Kombination mit einer VR-Brille ab 40 Euro und ist ausdrücklich auch für Nicht-Nerds machbar. Es gibt VR-Unternehmen dort draußen, die mit ausgefeilterer VR-Technologie arbeiten als wir, die programmieren, mit höherer Auflösung und komplexen, interaktiven Umgebungen arbeiten. Unsere Überzeugung und Mission ist: VR für die Verhaltenstherapie muss realitätsnah und brauchbar im verhaltenstherapeutischen Alltag sein.


am Start des Stockhholm-Marathons 2013 - der zum Glück nach 42,195km auch ein Ziel hatte :-)

Gründen an sich ist noch kein Ziel

Die GmbH-Gründung klingt nun wie ein sehr großer Schritt. Für mich persönlich fühlt es sich eigentlich nur wie eine Etappe eines sehr langen Weges an. Ein Unternehmen aufzubauen ist ein Marathon, und die GmbH-Gründung noch lange keine Ziellinie. Insofern ist ein Marathonlauf kein ganz passender Vergleich, denn der hat ja (zum Glück!) immer ein Ziel - dann eher ein Dauerlauf. Dass die Eintragung ins Handelsregister ausgerechnet mitten in die Corona-Pandemie fiel war am Ende Zufall. Geplant war der Notartermin schon länger und konnte auch zum Glück stattfinden. Und doch passt der offizielle Unternehmens-Start auch wieder gut in diese spezielle Zeit: Konfrontationsübungen können schon in "normalen" Zeiten aufwändig oder sogar praktisch unmöglich sein (Flugticket buchen, um mit einem Patienten zu fliegen, anyone?). Doch aktuell mit Patienten S-Bahn fahren? Menschenmengen finden? Oder sich überhaupt guten Gewissens mit einem Patienten draußen bewegen? Die Vorteile von VR für die Verhaltenstherapie werden während der aktuellen Phase mit ihren Kontaktbeschränkungen noch deutlicher. Unsere Coachings und Kursprogramme haben wir schon von Beginn an online angeboten. Und da auch viele Psychotherapie-Seminare und Schulungsangebote Corona-bedingt gestrichen wurden steigt das Interesse. Seit kurzem ist unser 4-wöchiger VR-Kurs für Verhaltenstherapeuten auch offiziell als Fortbildung der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg anerkannt. Das bedeutet, wir dürfen Fortbildungspunkte vergeben, die die Therapeutinnen und Therapeuten regelmäßig erwerben müssen um ihre Zulassung zu erhalten.


Neustart like a boss

Auf dem langen Weg zur offiziellen Gründung von Lab E haben sich nacheinander viele Einzelteile zusammen gefügt. Ich bin studierte Medienwissenschaftlerin, die Wirkung von Medieninhalten hat mich schon immer fasziniert. In meinem postgradualen Zweitstudium habe ich eine empirische Untersuchung zur emotionalen Wirkung von Virtual Reality gemacht. Ich habe langjährige Berufs- und Führungserfahrung in der Medienbranche. Von Beginn an war ich dabei auf das "nicht-klassische" Geschäft abonniert: Für einen Zeitschriftenverlag habe ich Sportveranstaltungen als neuen Geschäftsbereich aufgebaut. Aktuell arbeite ich (in Teilzeit) als Innovation Manager in der Automobilindustrie, um dort einen Inkubator aufzubauen und gemeinsam mit den Mitarbeitern und externen Ideengebern aus guten Ideen erfolgreiches Geschäft zu machen.

zurück an der Alma Mater: bei einer Jubiläums-Veranstaltung in Garching stelle ich VirtuallyThere vor

Neue Wege zu gehen verlangt immer Ausdauer und Durchhaltevermögen, gleichzeitig Begeisterungsfähigkeit für neue Themen und den Aufbau von Vertrauen und Verbindlichkeit - eine Kombination, die mir im Blut liegt. Ich habe mich aber immer als "Intrapreneurin" gesehen, die im Unternehmens-Umfeld Neugeschäft aufbaut. Die Idee, ein eigenes Unternehmen aufzubauen kam erst ganz allmählich auf. Der Funke dazu hat mich an der TU München erwischt: dort habe ich zwischen meinen beiden Elternzeiten ein MBA-Studium in Innovation & Business Creation absolviert. Dabei fing ich Feuer für die Prinzipien von Lean Startup und Design Thinking. Beiden ist der Grundgedanke gemeinsam, Produkte und Services rund um die Bedürfnisse einer bestimmten Zielgruppe zu entwickeln. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit einem Kommilitonen darüber sprach, wann denn der Zeitpunkt gekommen sei, um aus der eigenen Geschäftsidee heraus tatsächlich eine Firma zu gründen. Der Gedanke war damals noch ein sehr theoretischer, und doch setzte er sich langsam fest ... Auch das Thema Virtual Reality ließ mich nicht los, deshalb wählte ich es auch für meine Abschlussarbeit. Als Geschäftsidee hat VR für mich über zwei Jahre viele Wendungen genommen. Aber ich habe einfach angefangen - und bin seitdem dran geblieben, wo sicher viele schon lange bequemere Abzweigungen genommen hätten. Vor genau einem Jahr habe ich VirtuallyThere grundlegend neu ausgerichtet: ursprünglich als Agentur für Tourismus-Marketing gegründet brachte mich meine Schwester - selbst Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Stuttgart - auf Verhaltenstherapeuten als Zielgruppe und die Angsttherapie als Anwendungsfall. Was zunächst etwas abgefahren klingt, hatte aber gute Gründe, die ich hier im vergangenen Sommer ausgeschrieben habe. Für das Thema Neustart bin ich mittlerweile wirklich Spezialistin geworden - aber es hat sich (wieder einmal) gelohnt und war definitiv die richtige Entscheidung! Neustart like a boss: Damit meine ich nicht mit "Karacho vorwärts", sondern eine mutige Entscheidung treffen und sie mit Ausdauer, einem Plan und Überzeugung verfolgen.


"To boldly go where no one has gone before"

Ich bin nicht nur leidenschaftliche Läuferin, sondern auch großer Star Trek-Fan (Raumschiff Enterprise & Co): "Boldly go were no man has gone before", so lautet ein berühmtes Zitat aus der Titel-Sequenz der Original-Serie - die nach meiner Erfahrung auch sehr gut für das Thema Unternehmensgründung steht. Als Unternehmer triffst Du ganz eigenverantwortlich Deine Entscheidungen, und zwar oft in Ungewissheit und auf unbekanntem Terrain - besonders wenn es um neue Märkte, neuartige Geschäftsmodelle und sich entwickelnde Technologien geht. Natürlich holst Du Dir Rat, von Gründerberatern, Technik-Spezialisten oder Marketing-Profis. Aber wie genau Dein Produkt für Deine Zielgruppe aussehen muss, wie Du es am besten anbietest, bepreist und verkaufst - da bist Du Pionier und Deine Entscheidungen geben den Ausschlag wie es weiter geht. Der Pivot, also die Neuausrichtung von VirtuallyThere war eine solche Entscheidung.

wir gehen auch dorthin, wo es weh tut: für eine VR-Produktion zum Thema Spritzen ist unser eigenes Blut geflossen

Jeden Abend, wenn unsere beiden Töchter schlafen, geht es für uns Eltern immer noch für ein paar Stunden in die zweite Runde. Für VirtuallyThere ist nicht nur sprichwörtlich, sondern auch tatsächlich Blut geflossen: bei einer legendären Produktion in der Urologischen Praxis am Stuttgarter Wilhelmsplatz, haben Frank, mein Vater und ich uns echtes Blut abnehmen lassen, während die 360°-Kamera lief. Spritzen und Blut abnehmen sind ein beliebtes Expositionsthema, das unsere Mediathek damit nun auch abdeckt. Ein Geschäft aufzubauen ist dann eben auch wieder wie ein Marathon oder Dauerlauf: es gibt auch Phase, in denen es weh tut und durch die man durch muss.

Umso wichtiger ist es, nicht alleine zu kämpfen und die richtige Unterstützung zu haben: Lab E wird vom Startup-Booster des Life Science Accelerator Baden-Württemberg gefördert (hallo Markus, hallo Bodo!), ich habe mit Sigrun einen großartigen Business Coach mit Kick-Ass Garantie (viele Grüße nach Zürich!) und beste Text-Unterstützung durch die Sympatexter Academy (besten Dank an Judith mit Schlossblick!), nicht zu vergessen erfahrene Steuerberater und Anwälte. Und natürlich: die eigene Familie, ohne den festen täglichen Rückhalt wäre nichts von alldem denk- oder machbar.


Vor einer Woche bin ich 40 Jahre alt geworden. "Gescheit" wird man mit 40, sagen die Schwaben. Ob das, was wir bei Lab E machen, im schwäbischen Sinne "gescheit" ist? Tja, das weiß ich heute auch noch nicht. Aber was ich weiß: Er ist großartig, dieser Moment, wenn begeisterte Kunden berichten, dass die virtuelle Umgebung tatsächlich echte Phobie-Symptome bei ihrem Patienten ausgelöst hat. Und dass sie beim nächsten Mal schon eine Schippe drauf legen konnten, weil der Patient schon besser zurecht kam. Dank unseres Produkts! Sicher bin ich also nicht, aber überzeugt: das Ziel ist es wert. Und so ist es ja auch beim Dauerlauf: es geht immer weiter.


Du bist gespannt, wie es weitergeht? Trage Dich hier in den VirtuallyThere-Newsletter ein!

140 Ansichten