• Carola Epple

"In VR fällt es Angstpatienten leichter, sich auf Exposition einzulassen"

In dem tiefen und sonoren Barriton, der durch das Telefon klingt, schwingt ein mir bestens vertrauter, schwäbischer Dialekt mit – und tatsächlich, Pauli stammt aus Biberach. Pionierarbeit zum Einsatz von Virtual Reality in der Psychotherapie

Professor Paul Pauli ist Pionier in der Erforschung des Einsatzes von Virtual Reality in der Psychotherapie: Bereits seit Mitte der 90er-Jahre beschäftigt er sich mit dem Thema Virtual Reality, damals in Kooperation mit dem Fraunhofer Institut in Düsseldorf. Erste Studien führte er damals zur Behandlung von Flugangst mit VR durch, gemeinsam mit seinem damaligen Doktoranden Andreas Mühlberger (heute selbst Lehrstuhlinhaber in Regensburg). Seit 2001 lehrt und forscht Pauli als Professor für Biologische Psychologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Würzburg. Er ist selbst approbierter Psychologischer Psychotherapeut und leitet auch die Hochschulambulanz an der Universität Würzburg. Als Ausbildungsambulanz ermöglicht sie es angehenden Psychologischen Psychotherapeuten, unter Supervision Patienten zu behandeln. Die Ergebnisse von Therapien die in der Forschungsambulanz durchgeführt werden fließen außerdem in die Forschung des Lehrstuhls ein.


eine Tarantel - je nach Betrachter faszinierend oder Angst einflößend

VR senkt die Hemmschwelle für eine Konfrontationstherapie

Ich frage Pauli nach den Vorteilen von Virtual Reality für die psychotherapeutische Praxis. „Angstpatienten fällt es generell leichter, sich in VR auf Exposition einzulassen als in der Realität“, berichtet Pauli. „Ein Patient überwindet sich eher, wenn er mit einer virtuellen Spinne konfrontiert wird als mit einer echten.“ Neben der geringeren Hemmschwelle nennt Pauli nennt weitere Vorteile, VR für Expositionen einzusetzen: Die Behandlung findet unter kontrollierten und sicheren Bedingungen in der Praxis statt. Sie lässt sich genau planen, beliebig oft wiederholen und graduell steigern.


Angstauslösende Reize wiedergeben

Auch wenn die Umgebung nicht real ist: Virtual Reality löst echte Angst aus. Entscheidend für den Therapieerfolg ist laut Professor Pauli, dass die entscheidenden Merkmale des angstauslösenden Reizes in der VR wiedergegeben werden. Entsprechende Trigger lösen tatsächliche Angst aus, auch wenn dem Patienten rational klar ist, dass das was er sieht nur in der VR-Brille existiert. Am Beispiel der Spinne erklärt Pauli: „Eine Spinne muss sich erratisch und spinnenartig bewegen, sie darf nicht roboterartig wirken. Für Exposition bei Höhenangst wiederum ist ein realistischer Eindruck von Tiefe wichtig.“ Nicht ganz so entscheidend ist laut Pauli, dass die virtuelle Realität „schön“ und komplett realitätsgetreu wirkt – obwohl er betont, dass das Erlebnis dadurch natürlich noch beeindruckender ist. VR, so betont er, funktioniert in der Verhaltenstherapie besonders gut bei visuellen Triggern. Angstauslösende Trigger oder „Cues“, wie Pauli sie nennt, können neben visuellen Reizen auch Geräusche und Gerüche sein. Soziale Phobien werden oft durch spezifische Interaktionssituationen getriggert. Um diese zu simulieren sind sehr komplexe und teilweise aufwändig programmierte VR-Anwendungen notwendig. In der Hochschulambulanz der Universität Würzburg bieten Pauli und sein Team zum Beispiel eine spezielle Therapie gegen Flugangst an: hier kommt ein hydraulischer Stuhl mit einem Head-Mounted-Display zum Einsatz, der durch Rütteln und Schräglagen Turbulenzen und den Aufstieg des Flugzeugs simuliert.

Abschließend frage ich Pauli, was aus seiner Sicht gegeben sein muss, um VR als Therapiemittel nicht nur in der Forschung und im klinischen Umfeld, sondern auch in psychotherapeutischen Praxen einzusetzen. „Solche Anwendungen müssen ganz einfach handhabbar sein, individuelle Einstellungen und einen klaren Benefit bieten.“ Es zeigt sich, dass auch er Interesse daran hat, VR für niedergelassene Therapeuten verfügbar zu machen: „Ich würde gerne eine Studie darüber durchführen, wie VR im therapeutischen Alltag funktioniert – außerhalb der kontrollierten, universitären Settings die wir bisher nutzen“. Wir verabreden, miteinander in Verbindung zu bleiben - und möglicherweise ergibt sich dazu eine Möglichkeit der Zusammenarbeit.


Zum Weiterschauen: ein ZDF Info-Beitrag zum Thema Angsttherapie mit Virtual Reality (mit Professor Paul Pauli ab Minute 3:45)

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