• Carola Epple

"VR muss einfach zu bedienen sein und echten Nutzen bringen - sonst bleibt es Spielerei"

Aktualisiert: vor 7 Tagen

Virtuelle Welten sind eine meiner großen Leidenschaften (neben meiner Familie, Kaffee und dem Laufen😊). Virtual Reality begeistert mich, ich könnte stundenlang darüber sprechen, was mit VR alles möglich ist! Es gibt aber ein Thema, das mich in dem Zusammenhang immer wieder aufregt: in Gesprächen oder Artikeln über VR entsteht häufig der Eindruck, man müsse die höchste Auflösung, den schnellsten Prozessor und immer kleinere und leistungsfähigere VR-Brillen haben - ein wahres technisches Wettrüsten findet da oft statt

Hochwertige Technik macht Spaß, ist aber auch eine Einstiegshürde

Natürlich macht hochwertige Technik Spaß - genau wie ein richtig scharfes Küchenmesser, das beim Schneiden nur so durch die Tomate flitzt anstatt sie unschön zu zermatschen. Aber wenn Hersteller von VR-Equipment, Inhalte-Anbieter, aber auch Nutzer den Schwerpunkt rein auf solche Leistungsdaten legen finde ich kontraproduktiv. Denn gerade Einsteiger werden dadurch schnell abgeschreckt und bekommen den Eindruck, dass das Eintrittsticket in virtuelle Welten zwangsläufig teuer ist und ein halbes IT-Studium erfordert. Eine VR-Brille für über 500 Euro? Controller und Co? Ohne 5G und 6k geht gar nichts? Das ist für viele Nutzer - je nach Anwendungsbereich und Zielsetzung - gar nicht notwendig.

Virtual Reality muss Praxis-kompatibel sein

VR-Gaming und der Unterhaltungsbereich gelten gemeinhin als Treiber für die Marktentwicklung im Bereich Virtual Reality. Sicher: computergenerierte virtuelle Wirklichkeiten in 3D haben Gaming-Erlebnisse auf das nächste Level gehoben. VR macht Spaß und es ist legitim, dafür Geld auszugeben - aber aus meiner Sicht kann das kann nicht alles sein! An Ideen mangelt es meist nicht, wie VR eingesetzt werden kann: Virtual Reality kann Operationen in der Ausbildung von Medizinern simulieren und Schüler zu Unterrichtszwecken ins Alte Rom oder das Innere der Erde führen, Gebäude- und Produktionsplanung findet vorab in VR statt oder eben unser Spezialgebiet: virtuelle Konfrontationen für die Behandlung von Angstpatienten. Doch so einleuchtend diese Ansätze erst einmal klingen, oft scheitern sie an praktischen Details: Schulen haben keine ausreichende WLAN-Verbindung. Die Produktion passender Inhalte ist teuer und die Anwendungen zu kompliziert, um im (Arbeits-)Alltag der Nutzer im Alltag wirklich zu unterstützen.

Genau hinhören: wie kann VR wirklich sinnvoll unterstützen?

Wir bei VirtuallyThere sind ursprünglich als Agentur für Tourismusmarketing angetreten (mittels VR-Videos Buchungsraten für Reiseunternehmen zu erhöhen war das Ziel). Im Frühsommer 2019 haben wir uns - von außen betrachtet ziemlich radikal - der Psychotherapie und Behandlung von Angststörungen mittels VR verschrieben haben (eine lange Geschichte, die ich hier aufgeschrieben habe). Um herauszufinden, wie VR unsere neue Zielgruppe wirklich unterstützen kann habe ich unzählige Interviews mit Psychotherapeuten geführt und bin mit meinen VR-Brillen zu Demo-Terminen in Intervisionsgruppen getourt. Ich habe genau hin gehört um herauszufinden wie Virtual Reality in der Verhaltenstherapie sinnvoll unterstützen kann: Welche Probleme tauchen bei der Durchführung von Expositionen auf? Wie genau kann VR dabei helfen? Bisher gibt es keine separate Abrechnungsziffer für VR-Anwendungen. Wie viel darf das Equipment kosten? Ich habe gelernt: Therapeutinnen und Therapeuten haben eine Menge Themen um die Ohren. "Schön wäre es, wenn ich mich einfach auf meine Patienten konzentrieren könnte", meinte eine Verhaltenstherapeutin aus Stuttgart. "Stattdessen beschäftige ich mich mit Abrechnungsformalitäten und WLAN-Spezifikationen." Virtual Reality muss also wirklich einfach nutzbar sein und echten Nutzen stiften. Zeit sparen und da weiter helfen, wo Therapeuten sonst nur schwer oder gar keine Expositionen durchführen können. Mittlerweile haben wir die Erfahrung gemacht: Virtual Reality kann in der Verhaltenstherapie sehr gut unterstützen und es muss nicht kompliziert und auch nicht teuer sein. Meiner Erfahrung nach sind Verhaltenstherapeuten sind sehr offen gegenüber Virtual Reality - aber das System muss im doppelten Wortsinn einfach funktionieren. Aufwändige Installationen, Updates und Setups sind vor allem im Termin mit dem Patienten ein no-go. Und zumindest für den Einstieg sollte das finanzielle Investment überschaubar sein.

Erstaunlich gute Ergebnisse selbst mit günstiger Hardware

Als Kombination von Hard- und Software sind VR-Systeme komplex. Inhalte zu entwickeln, die den Bedürfnissen der Zielgruppe wirklich entsprechen ist eine große Herausforderung. Performance zu optimieren ist so gesehen einfacher, als sich mit den komplizierten Anforderungen der Nutzer zu beschäftigen. Aber genau darin liegen die Möglichkeiten und der Schlüssel zum Erfolg für das Ziel, dem wir uns verschrieben haben: Menschen mit Hilfe von Virtual Reality zu einem angst- und stressfreien Leben zu verhelfen.  Mobile VR-Anwendungen sind die günstigste und einfachste Möglichkeit, in das Thema Virtual Reality einzusteigen. Dabei wird das Smartphone als Wiedergabe-Gerät eingesetzt und in eine VR-Brille eingelegt, die den 3D-Effekt erzeugt. Von Profis werden solche Anwendungen teilweise belächelt, und ja: die Immersion und Qualität bleiben hinter spezialisierten Hochleistungs-VR-Anwendungen zurück. Doch für viele Anwendungsfälle ist die Qualität absolut ausreichend, die sich mit mobilen Lösungen erreichen lässt! Forschungsergebnisse zeigen, dass virtuelle Exposition genauso wirksam und nachhaltig sein kann wie in-vivo-Exposition - auch mit dem Einsatz günstiger Hardware (s. Emmelkamp et al., 2002). Auch unsere Nutzer sind immer wieder erstaunt, wie heftig Patienten selbst auf einfache und verpixelte virtuelle Umgebungen reagieren.

Um unsere VirtuallyThere-Mediathek zu nutzen ist nur ein Smartphone mit Gyroskop und eine stabile WLAN-Verbindung nötig. Wir bieten 360°-Videos an, keine interaktiven, computergenerierten VR-Anwendungen. Für viele Therapie-Settings ist das ausreichend und gibt Therapeutinnen und Therapeuten mehr Freiheit. Unser System ist einfach nutzbar und erfüllt einen konkreten Zweck: es macht Expositionen plan- und steuerbar und hilft, Patienten besser zu motivieren.

Nicht nur auf die Gamer schauen

Experten erwarten, dass 2023 zwei Prozent der Weltbevölkerung VR nutzen werden, das entspricht 168 Millionen VR-Einheiten. Im Vergleich mit der Verbreitung von Smartphones oder Waschmaschinen also immer noch eine Nischen-Anwendung. Der VR-Gaming-Sektor mag zwar weiter wachsen. Aber wenn die VR-Industrie hauptsächlich auf diejenigen schaut, die sowieso schon Experten sind und sich nicht wirklich im Detail mit weiteren Anwendungsfällen beschäftigt, dann ist es kein Wunder wenn die Marktdurchdringung hinter den Erwartungen zurück bleibt. Damit will ich nicht sagen, dass es unnötig ist, Virtual Reality-Anwendungen technologisch weiter zu entwickeln - don't get me wrong! Natürlich sind handlichere und leistungsfähigere Devices komfortabler zu nutzen und VR macht so - noch mehr - Spaß. Doch solange der der Mehrwert für den Nutzer nicht klar wird, bleibt VR eine nette Spielerei.


Lerne unsere VR-Mediathak kennen!

Am 11.7. startet unser nächstes Virtual Reality-Praxistraining für Psychotherapeuten: gemeinsam steigen wir Schritt für Schritt in das Thema VR ein. Hier findest Du alle Informationen zum Training. Ich freue mich auf Dich!

0 Ansichten